Aus den Aufzeichnungen Tarric Vethrins
Neulich betrat ein junger Abenteurer meine Schänke. Vielleicht Anfang zwanzig. Großes Schwert auf dem Rücken. Viel zu groß natürlich. Der Junge musste sich seitlich durch die Tür drehen, um überhaupt hereinzukommen. Er hielt das vermutlich für beeindruckend. Die Gäste eher für Unterhaltung. Armer Kerl.
Er setzte sich mitten in den Schankraum, bestellte den teuersten Wein, den er sich offensichtlich nicht leisten konnte, und begann sehr laut von Monstern zu erzählen, die angeblich „keine echte Herausforderung“ gewesen seien. Niemand glaubte ihm. Was ihn allerdings wirklich verriet, war etwas anderes: An seinem Arm fehlte ein Scherbenband.
Jeder Abenteurer besitzt eines. Zumindest jeder, der vorhat, seine Abenteuer auch zu überleben. Nicht nur Abenteurer übrigens – diese Dinger sind ziemlich praktisch. Aber die meisten Leute, die die sicheren Straßen ohne Scherbenband verlassen, gehören in eine von drei Kategorien: wirklich dumm, wirklich arm oder überzeugt davon, dass Regeln eher Empfehlungen sind. Die letzte Gruppe hält selten lange durch.
Und damit war sofort klar, dass der junge Abenteurer seine Geschichte entweder erfunden hatte oder eine erschreckend kurze Lebenserwartung hatte. Ich tippe auf beides.
Es gibt diese romantische Vorstellung von Abenteurern. Schwerter auf dem Rücken. Dramatische Mäntel. Blicke in den Sonnenuntergang, als würde gleich jemand anfangen, traurige Musik zu spielen. Natürlich gehören Waffen zur Ausrüstung. Schwerter. Dolche. Bögen. Äxte, wenn jemand dringend Aufmerksamkeit braucht – oder ein Zwerg ist, was manchmal erstaunlich schwer zu unterscheiden ist. Und ein freches Mundwerk gehört bei den meisten ebenfalls zur Standardausstattung. Meistens direkt neben den schlechten Entscheidungen.
Die wirklich erfahrenen Abenteurer, also die, bei denen „keine Herausforderung“ nicht sofort nach Lüge klingt, erkennt man allerdings selten an ihren Waffen. Sondern daran, wie viele Magiesysteme sie gleichzeitig am Laufen halten, ohne dabei versehentlich zu explodieren.
Das wichtigste davon ist das Scherbenband. Ein kristallgestütztes System am Unterarm, das fast jeder nutzt, der regelmäßig außerhalb sicherer Straßen unterwegs ist. Vielleicht hilft es, das einmal einfacher zu sagen: Das Scherbenband ist kein Schmuck. Kein Statussymbol. Und auch kein einzelnes Ding, das bei jedem gleich aussieht. Es ist eher ein Träger. Ein Rahmen. So etwas wie ein Werkzeuggriff, in den man verschiedene kristallene Module einsetzt.
Wenn du jemanden siehst, der am Unterarm ein Lederband trägt mit leuchtenden Punkten und einem schimmernden, flachen Feld aus Licht – dann siehst du ein Scherbenband. Dieses „Fenster“ aus Licht zeigt Dinge an, verbindet Stimmen oder stellt Verbindungen her. Die leuchtenden Punkte sind die Module selbst. Eingesetzt in Halterungen aus Metall oder Obsidian, je nach Vorliebe oder Geldbeutel.
Diese Module nennt man Scherben. Und nein – sie sind nicht alle gleich. Es gibt verschiedene Arten, je nachdem, was man draußen braucht. Man kann sie verlieren. Man kann sie austauschen. Und ja, wer genug Geld hat, kann sich auch die passenden einfach kaufen. Tun nur erstaunlich wenige. Vielleicht, weil es irgendwann aufhört, sich wie Vorbereitung anzufühlen und mehr wie Fluchtplan wirkt.
Und ja – sie nutzen sich ab. Nicht wie Metall, das rostet. Eher wie ein Muskel, der überlastet wird. Oder wie ein Kopf, der zu viele Stimmen gleichzeitig tragen soll. Denn sie funktionieren nur, wenn sie mit Magie geladen sind. Ohne Magie – keine Scherbe. So einfach ist das. Wenn du nichts isst, rennst du auch nicht weit. Oder gar nicht.
Vier Steckplätze hat ein Scherbenband normalerweise. Mehr braucht man selten. Mehr verkraftet man meistens auch nicht. Alles darüber hinaus endet in Leuten, die überzeugt sind, dass sie „alles gleichzeitig im Griff haben“. Bis sie es nicht mehr haben. Und explodieren oder schlimmeres.
Die meisten tragen mindestens eine Kommunikationsscherbe. Sehr praktisch, wenn man sich im Kampf über Distanz abstimmen oder einfach nur Hilfe rufen muss. Weniger praktisch, wenn dieselbe Hilfe gerade selbst in Schwierigkeiten steckt und dir das auch mitteilt.
Dann wären da die Speicherscherben. Im Grunde ausgelagerte Magiereserven. Sehr beliebt bei Leuten, die ihre eigene Magie nicht mitten im Kampf verbrennen wollen. Oder bei Zwergen. Die besitzen keine eigene Magie und nutzen stattdessen geladene Speicherkristalle. Funktioniert erstaunlich gut. Bis jemand vergisst, sie aufzuladen. Und glaub mir – niemand wirkt verzweifelter als ein Zwerg, dessen Scherbenband plötzlich entscheidet, dass heute kein guter Tag für Magie ist. Ich sollte meine übrigens auch wieder aufladen. Ich merke mir das bestimmt – hoffentlich.
Die Kampfscherben sind der Teil, den Behörden ständig regulieren wollen. Zielhilfen. Feldanalysen. Magieerkennung. Zustandsanzeigen. Solche Dinge. Offiziell natürlich zur Sicherheit. Inoffiziell, weil Leute sehr schnell nervös werden, wenn Abenteurer anfangen, ihre Gegner zu sehen, bevor diese überhaupt beschlossen haben, gefährlich zu sein.
Und dann gibt es noch Monokel. Eigenständige Magiesysteme mit eigenen Scherben. Meist nur ein Steckplatz. Für Zwerge oder Menschen ohne eigene Magie entsprechend… sagen wir: wenig sinnvoll. Sie analysieren Körpersprache, Magiestrukturen oder Verhaltensmuster. Sehr nützlich. Und ein hervorragender Weg, um herauszufinden, wie viele Menschen plötzlich nervös werden, sobald sie glauben, durchschaut zu werden.
Die besseren Varianten findet man meistens auf Schwarzmärkten. Oder bei Adeligen. Was im Grunde dasselbe ist – nur mit besserem Wein und weniger Gewissen.
Eine Zeit lang waren Scherben, die durch Wände und Kleidung sehen konnten, sehr beliebt. Bei Abenteurern. Bei Spähern. Bei Leuten mit fragwürdigen Interessen. Bis jemand eine Gegenscherbe entwickelt hat, die genau diesen Nutzern ihren schlimmsten Albtraum gezeigt hat. Danach hat sich das Thema erstaunlich schnell erledigt. Manche Ideen brauchen nur eine gute Konsequenz.
Das Problem an all diesen Systemen ist allerdings immer dasselbe: Sie zehren an der Magie ihres Nutzers. Je mehr gleichzeitig aktiv ist, desto höher die Belastung. Und Magie interessiert sich leider herzlich wenig dafür, ob gerade ein günstiger Moment zum Zusammenbruch wäre. Viele Abenteurer sind gestorben, weil ihr Scherbenband mitten im Kampf einfach aufgehört hat zu reagieren. Blöd gelaufen. Passiert öfter, als es sollte.
Der Junge mit dem großen Schwert übrigens verließ die Schänke später mit einer Söldnergruppe. Sie haben ihm zuerst ein Scherbenband gekauft. Danach erst ein zweites Schwert – kleiner, damit es ihn nicht jedes Mal umwirft, wenn er es zieht. Das werte ich als Fortschritt.
— Tarric Vethrin

Ich, Raven Morrigan Hawke, erschaffe Elyndor, eine Welt voller verborgener Pfade, flüsternder Wälder und uralter Geheimnisse. Jede Illustration und jede Geschichte führt dich tiefer hinein – zu mutigen Abenteurern, leuchtenden Kristallen und Orten, an denen Licht und Schatten miteinander tanzen. Begib dich mit mir auf die Reise durch diese poetische Fantasy-Welt und entdecke, was hinter jedem Hügel, jedem Baum und jedem Artefakt wartet.

