banner from the Of Monocles and Overconfidence story

Von Monokeln und Selbstüberschätzung

Aus den Aufzeichnungen Tarric Vethrins

Ich habe einmal eine Händlerin getroffen, die mir einen „Wundertee“ verkaufen wollte. Sie nannte ihn so, als würde das Wort allein schon den Preis rechtfertigen.

Sie stand in meiner Schänke, sehr überzeugt von sich selbst, und erklärte mir, dass dieser Tee alles könne, was normaler Tee nicht kann. Energie geben. Klarheit bringen. Müdigkeit vertreiben. Vielleicht sogar schlechte Entscheidungen korrigieren – wobei ich mir bei letzterem nicht sicher bin, ob sie das ernst meinte oder nur mutig war.

Ich habe ihr zugehört. Dann habe ich ihr gesagt, dass genau dieser Tee seit drei Monaten auf meiner Karte steht. Als das, was er ist: Kräutertee.

Sie hat kurz gezögert. Das ist meistens der Moment, in dem Menschen entscheiden, ob sie ehrlich werden oder interessanter. Sie entschied sich für interessanter.

Ihr Monokel verriet sie dabei mehr als sie selbst. Ich bin immer vorsichtig, wenn jemand eines trägt. Diese Dinger sind selten – und in meiner Schänke landen meistens nur die Versionen mit den Scherben, die man besser nicht offiziell besitzen sollte.

Menschen und Zwerge, die dir etwas verkaufen wollen und dabei ein Monokel tragen, enttarnen sich meistens schnell selbst. Sie reagieren zu präzise. Zu schnell. Als würden sie das Gespräch schon führen, bevor es passiert. Elfen kommen mit dieser Art von Scherben deutlich besser zurecht.

Die Händlerin nutzte keine gewöhnliche Analysescherbe. Sie las keine Eigenschaften des Tees und auch keinen Preis. Sie las mich.

Körpersprache. Reaktionsmuster. Entscheidungsverzögerungen. Eine sehr teure Art, Missverständnisse zu provozieren.

Sie wusste, wann ich zweifle, bevor ich selbst entschieden hatte, ob ich überhaupt zweifle. Sehr beeindruckend. Und völlig nutzlos, wenn man jemanden vor sich hat, der gelernt hat, Gespräche nicht nur zu lesen, sondern zu führen.

Sie begann also, meine Argumente vorherzusagen. Ich begann, ihre Vorhersagen unbrauchbar zu machen.

„Du bist unsicher“, sagte sie irgendwann.

„Richtig“, antwortete ich. „Und was machst du jetzt mit diesem Wissen?“

Sie hob eine Augenbraue.

„Wissen allein ist nutzlos, wenn du es nicht nutzen kannst.“

Sie lächelte. Ich auch.

Wir waren uns in diesem Moment vermutlich beide sicher, dass ich diesen Tee nicht kaufen würde.

Ich brauchte kein Monokel, um zu merken, wann ein Gespräch kippt. Ich höre es an der Pause zwischen zwei Sätzen. Daran, wie Menschen plötzlich zu schnell erklären. Wenn Zwerge den Ton wechseln, bevor sie wütend werden. Wenn Elfen anfangen, unnötig präzise zu werden.

Als Wirt sind das genau die Dinge, die verhindern, dass Gäste sich gegenseitig die Einrichtung um die Ohren werfen. Oder dass jemand „zufällig“ vergisst zu bezahlen.

Ich habe gelernt, nicht nur zu verstehen, sondern zu kontrollieren.

Und sie brauchte ihr Monokel irgendwann nicht mehr, um zu erkennen, dass es ihr in dieser Schänke nicht half.

Es zeigte ihr alles über mich. Aber nichts darüber, warum es nicht reichte.

Irgendwann stand sie einfach still da. Nicht besiegt. Nicht überzeugt. Eher … aufmerksam geworden.

Sie legte ihr Monokel auf den Tisch und fing an zu fragen. Keine Tricks mehr. Keine Scherben. Nur Fragen.

Sie blieb eine Weile und arbeitete für mich. Lernte. Monate vielleicht. Schwer zu sagen, wenn jemand anfängt, wirklich zuzuhören, statt nur zu analysieren.

Irgendwann ging sie.

Sie nennt sich jetzt Shade. Eine angesehene Händlerin auf dem Schwarzmarkt von Elyndor. Vielleicht sogar die Beste. Denn sie versteht sich auch darauf, Dinge zu beschaffen, die sonst keiner hat.

Ich könnte erzählen, wie das passiert ist. Ich könnte es wirklich.

Aber das wäre dann eine andere Geschichte.

Und sie kommt noch immer manchmal in meine Schänke. Nicht um zu handeln. Um zuzuhören.

Ich glaube, sie wird noch interessant.

— Tarric Vethrin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen