Prolog
Manche Katastrophen beginnen nicht mit Schlachten, sondern auf einem Marktplatz. Mit einem Apfel.
Naira war nach einer langen Reise auf einem Marktplatz in einem Dorf, das so klein und unbedeutend war, dass es nicht mal auf den Karten eingezeichnet ist. Sie wollte nur ihre Vorräte auffüllen und dann weiterziehen. Doch es sollte alles anders kommen. Und der Grund dafür war ein Apfel.
Naira hatte bereits alles Nötige gekauft und mit vielen Leuten gesprochen. Eigentlich wollte sie gerade den Platz verlassen und sich wieder auf den Weg machen, als sie ihn sah. Prächtig, rot und fruchtig. Ein Apfel.
Ohne zu zögern kaufte sie den Apfel und biss genüsslich hinein, während sie sich Richtung Straße drehte. Als sie plötzlich am Arm gegriffen wurde und sich wieder umdrehte, mit dem Apfel im Mund.
Sie sah in ein vermummtes Gesicht. Oder besser gesagt auf ein schwarzes Tuch mit Augen und Kapuze. Ein „hnumpf“ entwich ihr und ehe sie sich versah, hatte sie einen versiegelten Brief in der Hand und die Gestalt war verschwunden.
Sie biss den Apfel ab, schluckte, biss erneut hinein, klemmte ihn zwischen die Zähne und brach das Siegel. Ein großer Fehler. In mehrerlei Hinsicht.
Ein magisches Brennen durchfuhr sie und ließ sie vor Schmerz zusammensacken. Dabei biss sie vom Apfel ab und verschluckte sich. Fast wäre sie erstickt. Das war das erste Mal, dass sie dem Tod knapp entkommen war. Natürlich fing sie den Apfel trotzdem auf, um ihn weiter essen zu können. Schmerzen hin oder her.
Das zweite Mal entkam sie dem Tod, als sie ihren Handschuh auszog, um die Quelle des brennenden Schmerzes anzusehen. Ein Magiemal war auf ihrem Arm erschienen. Sehr rot. Sehr heiß. Und sehr geschwollen. Unmöglich zu erkennen, welche Form es hatte.
Magiemale sind in Elyndor nichts Ungewöhnliches. Und an sich auch nichts Gefährliches. Aber ohne Ursache, Form und Bestimmung zu kennen? Diese Magiemale enden oft mit … nennen wir es einfach … dem permanenten Verschwinden des Trägers ohne Spuren und dem Auffinden eines leblosen Körpers viele Monde später.
Es muss ja nicht jeder Prolog voller Blut und Tod sein, oder?
Naira jedenfalls wusste, dass sie gerade in eine ganz schöne Scheiße geraten war, und nutzte einen einfachen Frostzauber, um die Stelle um das Mal zu kühlen. Doch es half nicht. Das Mal blieb ein sehr gefährliches Mysterium.
„Der Brief. Das Mal tauchte auf, als ich das Siegel öffnete. Vielleicht hilft der Brief mir weiter. Aber wo ist er?“, dachte sich Naira, während sie noch immer auf dem Boden saß.
Nicht die cleverste Idee, mitten auf einem Marktplatz auf dem Boden zu sitzen. Erst recht nicht, wenn die Leute sich so dicht drängen, als gäbe es Gold zu verschenken.
Aber wer bin ich, Nairas Entscheidungen zu hinterfragen? Ich erzähle nur Geschichten.
Naira vermutete ziemlich schnell, dass sie den Brief fallen gelassen hatte, als der Schmerz durch ihren Körper fuhr, also suchte sie den Boden ab. Und tatsächlich. Ein paar Meter weiter lag der Brief. Zwischen sehr vielen Beinen und Schuhen, die sich schnell bewegten.
Naira hätte aufstehen können. Oder den Brief mit einem kleinen Windzauber zu sich ziehen können. Aber aus irgendeinem Grund entschied sie sich, wie ein Baby durch die Menge zu krabbeln. Ihr obligatorisches „Entschuldigung. Verzeihung. Darf ich mal durch.“ wurde von niemandem wahrgenommen. Aber immerhin blieb Naira höflich.
Sie wurde auch nur siebenmal fast totgetrampelt. Und sie erreichte den Brief. Für Naira ist das schon ein Sieg.
Nahm sie den Brief also mit, um ihn in Ruhe zu lesen? Natürlich nicht.
Sie setzte sich an Ort und Stelle auf den Boden, nahm ihren Apfel und aß weiter, während sie las. Die Leute um sich herum völlig ignorierend.
„Geh nach Thalorien in den Gehängten Elf. Dort findest du Antworten.
Oder stirb.
Deine Entscheidung.“
Naira verschluckte sich wieder an ihrem Apfel.
„Schöner Mist. Tolle Auswahl. Darf ich wenigstens entscheiden, wie ich sterbe? Nein? Oh, na dann. Danke, dass ich wenigstens informiert werde.“
Sie hustete, klopfte sich einmal auf die Brust, atmete tief durch und sprach weiter mit sich selbst.
„Das kann doch nur böse enden. Aber gut. Dann besuche ich eben diesen Gehängten Elf und schaue mal, was passiert. Wenn es nicht funktioniert, sterbe ich ja eh. Also habe ich nicht wirklich etwas zu verlieren. Außer halt mein LEBEN.
Wie konnte mir das schon wieder passieren?
Meine Familie wird begeistert sein: Die Königstochter kommt zu Besuch und hat allen einen tödlichen Fluch mitgebracht. Wie nett von ihr!“
Murmelnd stand Naira auf und verließ den Marktplatz. Sie schlug den Weg ein, der zur Hauptstadt von Elyndor führte. Nach Thalorien.
Naira ist nicht der Typ Elfe, der aufgibt. Also überlegte sie laut murmelnd, wie sie aus dieser Sache wieder herauskommt. Am besten, ohne dabei den Kopf zu verlieren oder gefressen zu werden.
„Miriana! Ich sollte meine Schwester besuchen. Sie nutzt selbst Magiemale in ihrem Spionage-Orden. Sie versteht was von dieser Scheiße. Und Lucryss sollte ich auch besuchen, wenn ich schon mal da bin. Mal schauen, wie sich mein Bruder als Thronerbe schlägt. Ob er noch mit seinem Hofmagier zusammen ist? Ich hoffe es. Die beiden sind so süß zusammen.
Wann habe ich mich eigentlich das letzte Mal bei allen gemeldet?
Am besten denke ich da gar nicht so genau drüber nach.“
Naira blieb stehen und schaute kurz in den Himmel. Sie griff nach hinten in ihre Tasche, zog einen weiteren Apfel heraus und biss nachdenklich hinein.
Nach ein paar Metern blieb sie erneut stehen, warf den abgegessenen Apfel auf eine Wiese und stemmte die Hände entschlossen in die Hüften.
„Wird schon schiefgehen. Den Gehängten Elf aufsuchen. Mich mit Miriana und Lucryss treffen. Das Magiemal entfernen. Nicht sterben.
Das ist doch ganz einfach.“
Naira brummte frustriert und die entschlossene Anspannung wich Verzweiflung.
„Niemals wird das so einfach sein. Das wird eine totale Katastrophe.
Es wird immer eine totale Katastrophe.“
Aber Naira wusste, dass sie keine Wahl hatte, und so ging sie entschlossen weiter. Oder schlurfte halb entschlossen weiter. Und machte sich so ihre Stiefel kaputt.
Einige Tage und gegessene Äpfel später stand sie vor einer Tür. Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie herunter und zog damit eine ganze Menge Leute in eine Geschichte, um die sie niemand gebeten hatte.
Aber das Wichtigste war: Sie betrat meine Schänke.
Und so lernte ich Naira Hawke kennen.
Und unser gemeinsames Abenteuer begann.
Obwohl ich eigentlich zu alt bin für diese Scheiße.

Ich, Raven Morrigan Hawke, erschaffe Elyndor, eine Welt voller verborgener Pfade, flüsternder Wälder und uralter Geheimnisse. Jede Illustration und jede Geschichte führt dich tiefer hinein – zu mutigen Abenteurern, leuchtenden Kristallen und Orten, an denen Licht und Schatten miteinander tanzen. Begib dich mit mir auf die Reise durch diese poetische Fantasy-Welt und entdecke, was hinter jedem Hügel, jedem Baum und jedem Artefakt wartet.

